Naturkostfachhandel im Umbruch
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Der LEH treibt den Handel mit Biolebensmitteln voran

25.09.2016 Im vergangenen Jahr 2015 wuchs der Umsatz mit Biolebensmittel und -getränken erstmalig seit 2008 wieder zweistellig. Mit rund 8,6 Milliarden Euro kauften die privaten Haushalte ganze elf Prozent mehr ökologisch erzeugte Nahrungsmittel ein als 2014, so der Arbeitskreis Biomarkt. Zwar konnten nahezu alle Verkaufsstätten vom klassischen Lebensmitteleinzelhandel (LEH) einschließlich Drogeriemärkte, über den traditionell sehr starken Naturkostfachhandel bis hin zu den erzeuger- und verarbeitungsnahen Distributionskanälen wie Bäckereien oder auch Hofläden profitieren, jedoch in deutlich unterschiedlichem Umfang.

Der LEH legt weiter kräftig zu

Das stärkste Wachstum konnte der LEH verbuchen, mit einem Plus von 13 Prozent gegenüber 2014 konnten Edeka und Co. ihren Marktanteil auf über 55 Prozent ausbauen. Auch der Naturkosthandel wuchs proportional zum Gesamtmarkt und hält so seinen Anteil am Gesamtumsatz für Biolebensmittel konstant bei etwa einem Drittel. Die Umsätze der sonstigen Geschäfte wie Obst- und Gemüsefachgeschäfte wuchsen nur um sechs Prozent auf rund 1,1 Milliarden Euro. Dies zeigt, Bioprodukte haben längst ihren Platz in den Geschäftsmodellen der Discounter und der Food-Vollsortimenter gefunden und werden von den privaten Haushalten auch angenommen. Auf diese Entwicklung muss der Naturkostfachhandel reagieren.

Der Naturkostfachhandel im Umbruch

Nach 2014 standen auch 2015 den Laden-Öffnungen von Naturkostfachgeschäften in Deutschland eine geringere Anzahl an Schließungen gegenüber. Allerdings sank das Plus von 49 Verkaufsstätten 2014 auf lediglich 9 Läden in 2015, wie eine aktuelle Studie des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft zeigt. Dabei zeichnet sich ein Trend hin zu größeren Verkaufsflächen und einer zunehmenden Dichte der Verkaufsstätten ab. Insgesamt betrug die Verkaufsfläche des Naturkostfachhandels 2015 in Deutschland rund 550.000 Quadratmeter und damit 30.000 Quadratmeter mehr als 2014. Auffallend ist jedoch, dass besonders Läden mit mehr als 400 Quadratmeter an den Neueröffnungen ihren Anteil haben. Schließungen sind vor allem bei Ladengeschäften bis 99 Quadratmeter zu verzeichnen.

Darüber hinaus ist auch eine Konzentration von Neueröffnungen im urbanen Umfeld festzustellen. Der überwiegende Teil der Öffnungen vollzog sich in Städten mit über 500.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. In kleineren Städten und im ländlichen Raum sank die Zahl an Bioläden. Die Konzentration spiegelt sich auch in den Besitzverhältnissen der Geschäfte wider.

Filialisten weiter auf dem Vormarsch

Gut die Hälfte der Biofachgeschäfte und der Biosupermärkte werden von rund 22 Einzelhandelsunternehmen mit jeweils mehr als fünf Filialen bundesweit geführt. Spitzenreiter bei den bundesweit tätigen Handelsunternehmen ist Denn’s Biomarkt mit über 180 Filialen (2015). Alnatura, der zweitgrößte Biofilialist, hatte im Jahr 2015 98 Filialen. Der dritte bundesweit tätige Filialist ist Basic mit aktuell 34 Geschäften. Auch die mehr regional und lokal orientierten Filialisten, wie Bio Company (44 Filialen) in Berlin/Brandenburg, ebl Naturkost (25 Filialen) in Nürnberg, SuperBioMarkt (23 Filialen) in Nordrhein-Westfalen, Aleco (16 Filialen) in Bremen und Naturgut (11 Filialen) in Stuttgart, expandieren kräftig. Diese können ihren Effizienzvorteil bei der Einkaufs- und Investitionspolitik nutzen. Damit erscheinen notwendige Investitionen für die Modernisierung kleiner Geschäfte als nicht mehr sinnvoll.

Mit einfachen Worten lässt sich der Strukturwandel im Naturkosthandel wie folgt beschreiben: Kleine Läden schließen und große Läden (meist Filialisten) werden eröffnet. Das Bild einer ehemals alternativen, vielfältigen Szene verändert sich hin zu einer hoch professionellen Bioeinzelhandelsszene, die sich in ihrer Struktur nur noch wenig vom klassischen Lebensmitteleinzelhandel unterscheidet.

Der Lebensmitteleinzelhandel punktet durch Innovationen

Gerade die Discounter aber auch die Vollsortimenter entdecken mehr und mehr den Biomarkt als eine zukunftsweisende und wachstumsstarke Ergänzung zu dem konventionellen Produktangebot. Neben Verkaufsschlagern wie Bioeiern, -konsummilch und -quark, erweiterten 2015 einige Ketten des LEH ihr Bioobstsortiment und listeten auch mehr Biofleisch und eine größere Auswahl an Biomolkereiprodukten und -käse ein. Auch Speiseöl und Mehl gehörten im Jahr 2015 neu zum Sortiment verschiedener Discounter, so dass der Umsatz mit diesen Bioprodukten um mehr als ein Viertel stieg. Verglichen mit dem Naturkosthandel, der mehrere Tausend Bioartikel gelistet hat, sind Breite und Tiefe des Biosortiments im LEH jedoch weiterhin gering. So bieten die Discounter zwischen 50 und 170 Bio-Artikel in ihrem Sortiment an. Die Vollsortimenter kommen auf immerhin 360 oder 450 Bio-Artikel.

Ungeachtet dessen ist das Biosortiment für die Handelsketten zu einem wichtigen Umsatzträger geworden. Das gilt insbesondere im Bereich Frische. Dieser umfasst die Warengruppen Fleisch, Fleischwaren, Geflügel, Eier, Obst, Gemüse, Kartoffeln, Käse, Brot, Backwaren, Milch, Joghurt, Sojadrinks, Mehl, Milchgetränke, Quark, Butter, Speiseöl. Der Anteil ökologisch erzeugter Produkte an den Ausgaben der privaten Haushalte in Deutschland für frische Lebensmittel erreichte zwischen Juli 2015 und Juni 2016 bis zu 6 Prozent. Die höchsten Bioanteile erzielte Aldi Süd mit mehr als 6,3 Prozent. Das vergleichsweise breite Biosortiment trifft auf ein ausgewähltes konventionelles Sortiment, wodurch die Anteile hoch ausfallen. Würde auch das Trockensortiment in die Betrachtung mit einbezogen, ständen die Vollsortimenter sicher noch besser da – denn ihre Artikelvielfalt ist insbesondere im Trockensortiment hoch.

Große Flächen, Frische-Theken und E-Commerce-Angebote sind die erfolgreichen Strategien, um auf das veränderte Konsumverhalten der privaten Haushalte zu reagieren.

Zum einen werden die Produkte emotional inszeniert. Vermehrte Listungen von Frische, verbesserte Beratung und Schaffung von Einkaufserlebnissen sowie die Nutzung elektronischer Medien für eine moderne Kundeninformation und -bindung sind ursächlich für den anhaltenden Erfolg der Vollsortimenter. Sie entstrukturieren so den Alltag der Kundinnen und Kunden und heben den Anteil an spontanen Einkäufen. Rewe-Märkte personalisieren ihre Nachhaltigkeitsstrategie durch lebensgroße Poster von Filialmitarbeiterinnen und -mitarbeitern. Damit geben diese als "Nachhaltigkeitsmanagerinnen und -manager" den regionalen und ökologischen Produkten ein Gesicht.

Zum anderen entwickelt der konventionelle LEH auch auf der Produktseite sein Angebot ständig weiter. Hier kommen den Eigenmarken eine immer wichtigere Bedeutung zu. Neben den gängigen allgemeinen Biolabels wie Demeter, Naturland oder Bioland, die klassischerweise – aber nicht ausschließlich – im Naturkostfachhandel ihren Absatz finden, hat der LEH in Deutschland mit immer mehr Eigenmarken eine zunehmende Konkurrenz etabliert. Mittlerweile besitzen alle große LEH-Ketten und Discounter von Kaufland über Lidl bis hin zu Rossmann Bioeigenmarken, über die das Biowarenangebot stetig erweitert wird. So vertreibt EdekaBio 360 und ReweBio sogar 450 Produkte aus ökologischer Erzeugung unter ihren Eigenmarken. Zum Vergleich der Naturkostfachhandel verfügt über ein Warensortiment von mehreren Tausend Bioprodukten. Die Produktion und der Verkauf von Bioprodukten kann daher flexibler gemanagt und deutlich effizienter organisiert werden. Skaleneffekte senken so die Einkaufs- und Produktionskosten und heben die Marge bzw. bieten die Möglichkeit, Biolebensmittel günstiger als im Naturkostfachhandel anzubieten.
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Quellen:
Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) / Redaktion Ökolandbau
Bild: © pixabay
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