Mehr Bio in der Jugendherberge
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Biolebensmittel sind mittlerweile auch in Jugendherbergen ständig zu Gast. Gestartet mit einem Pilotprojekt im Nordwesten gibt es inzwischen Bionudeln, Biokaffee und Co. in vielen deutschen Jugendherbergen.

17.06.2017 Am Anfang der nachhaltigen Unternehmensstrategie der Jugendherbergen im Nordwesten stand ein Schlüsselerlebnis. Der Geschäftsführer des Landesverbandes Unterweser-Ems Thorsten Richter hörte in einem Vortrag des Potsdamers Klimaforsches Hans Joachim Schellnhuber von steigenden Meeresspiegeln, überschwemmten Südseeinseln und heimatlosen Insulanern. Das drohende Schicksal dieser Menschen berührte ihn so, dass er in den von ihm betreuten Jugendherbergen eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickeln wollte. Die Idee zum Konzept Erlebnis Nachhaltigkeit war geboren und konnte mit Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt praktisch umgesetzt werden. Zur Nachhaltigkeit gehört neben dem Ressourceneinsatz und dem Programmangebot der Einkaufkorb, der die Beschaffung regelt. Seit einigen Jahren kommen in den Jugendherbergen im Nordwesten vermehrt Bioprodukte auf den Tisch. Mindestens fünf Prozent müssen es sein. Wer sich darüber hinaus als Umweltherberge bezeichnen möchte, muss mindestens zehn Prozent Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft anbieten.

Bio im Low-Budget-Bereich

Sämtliche Jugendherbergen im Nordwesten sind bereits biozertifiziert. Hierbei handelt es sich um eine Komponentenzertifizierung der Zutaten Kaffee, Tee, Honig, Brühe, Nudeln und Reis. Die Auswahl erfolgte nicht zufällig: "Gerade bei Nudeln und Reis möchten wir unseren Gästen zeigen, dass Bioprodukte alltagstauglich sind und lecker schmecken", erläutert Babette Pieper vom Qualitätsmanagement der Jugendherbergen im Nordwesten. Um Geld zu sparen, werden konventionelle und Bioprodukte zentral über eine Einkaufskooperation eingekauft. Obst und Gemüse können die einzelnen Häuser aus regionalem Anbau beziehen. Regional ist als Entfernung von maximal 150 Kilometern zum Standort definiert. Hochwertige Lebensmittel im Low-Budget-Küche zu etablieren, ist eine Kunst: "Eine Evaluation unseres Projektes durch die Hochschule Koblenz ergab, dass die Gäste von uns als Anbieter eine hohe Verantwortung im Bereich der Lebensmittelwirtschaft erwarten, aber nicht mehr dafür zahlen möchten", berichtet Pieper. Besonders im Kerngeschäft Klassenfahrten geht es um jeden Euro.

Mehr Kreativität gefragt

Zusammen mit Bio haben die Jugendherbergen im Nordwesten einen Veggie Day eingeführt. Das schmeckte zunächst nicht allen Gästen. "Anfangs bekamen wir einige wenige harsche Rückmeldungen wie "ökofanatischer Beglückungswahn", erinnert sich Pieper. Gleichzeitig erwies sich der Veggie Day als wirksames Kommunikationsmittel im Bereich nachhaltiger Verpflegung. Derzeit arbeiten die Projektverantwortlichen an einer Rezeptesammlung für ihre Küchen mit schmackhaften vegetarischen Gerichten. Denn künftig wollen sie beispielsweise die umstrittenen Tofuspeisen durch Gemüsestrudel oder andere kreative Gerichte mit heimischen Hülsenfrüchten ersetzen. Das müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch umsetzen können und wollen. "Personalschulungen konzentrieren sich häufig auf das gute Kochhandwerk; bei der Nachhaltigkeit wird an die Vernunft appelliert, doch es braucht Emotionen, um das Thema mit Begeisterung "in den Kochtopf" zu bringen", so Pieper.

Gäste mit Geschichten überzeugen

Auch bei der Kommunikation mit den Gästen ist Überzeugung gefragt. Besonders schöne Geschichten lassen sich rund um die Regionalität erzählen. "Statt einfach zu sagen, unser Bioapfel kommt aus Bad Zwischenahn, zu berichten: Unsere Bioäpfel kommen aus Bad Zwischenahn von Bauer Meyer. Bauer Meyer wollte eigentlich gar keine Äpfel anbauen. Doch dann bekam er von seiner Tochter zum Geburtstag drei kleine Apfelbäume geschenkt und überlegte sich, wie er die alten Sorten aus seiner Kindheit wieder anbauen könnte", gibt Babette Pieper ein Beispiel.

Regionales Biofleisch am Niederrhein

Schon lange Feuer und Flamme für die nachhaltige Ernährung ist die Jugendherberge Mönchengladbach-Hardter Wald: Als Umweltstudienplatz für Kinder haben sich die umweltbewegten Herbergseltern Christiane und Martin Rottmann bereits vor fünfzehn Jahren bewusst für einen konsequenten Bioweg entschieden. Seitdem bauen sie ihren Bioanteil nach und nach aus. Mittlerweile besteht die Verpflegung in der Umweltjugendherberge zu 70 Prozent aus Biozutaten! Anders als die meisten Jugendherbergen kaufen die niederrheinischen Herbergseltern ihre Bioprodukte alle selbst ein. Obst und Gemüse kommen vom regionalen Biogroßhändler. Alle Fleisch- und Wurstwaren stammen von einer Biometzgerei aus dem 20 Kilometer entfernten Wachtendonk. "Das können wir uns leisten, weil wir wöchentlich nur zwei bis drei Fleischgerichte anbieten", berichtet die Leiterin Christiane Rottmann. Und das wollen sie sich leisten: "Pro Essen geben wir circa 30 Cent mehr als andere Jugendherbergen aus", so Rottmann.

Bewährte und innovative Speisen wechseln

Die erwachsenen Gäste wissen die Bioküche zu schätzen. Die Schülerinnen und Schüler mögen sie, solange der Speiseplan stimmt. Das heißt: Pizza, Tortellini und viele Nudelgerichte gehören auf den Teller. Aber auch gesunde Innovationen wie Gemüserohkost, Bolognese aus Grünkern und Haferbratlinge – ein Mix aus Haferflocken, Zwiebeln und Käse - sind beliebt: Nur Pfannkuchen sind nicht zu toppen.
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Quellen:
Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) / ökolandbau.de
Bild: © Die JugendHerbergen gGmbH
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