Label für fair erzeugte Bioprodukte
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Für viele Biokundinnen und Biokunden ist klar: Bio und fair gehören zusammen.

04.01.2017 Laut aktuellem Ökobarometer 2016 gehen rund 75 Prozent der Befragten davon aus, dass die meisten Bioprodukte fair gehandelt sind. Und 42 Prozent von ihnen verbinden mit ökologisch erzeugten Lebensmitteln die Einhaltung von Sozialstandards und ein faires, verlässliches Einkommen für die Erzeugerinnen und Erzeuger. Schon allein um die Erwartungen ihres Kundenkreises zu erfüllen, sollten Bioverarbeiterinnen und -verarbeiter nicht nur auf eine verlässliche Bioqualität achten, sondern auch auf faire Produktionsbedingungen. Offensiv kommuniziert lassen sich damit auch neue sozial orientierte Käufergruppen gewinnen oder Vorteile gegenüber Mitbewerberinnen und Mitbewerbern erzielen.

Im Gegensatz zu "bio" ist der Begriff "fair" oder "fairer Handel" weder in Deutschland noch in der EU rechtlich geschützt. Für fair erzeugte Produkte gibt es kein einheitliches staatlich legitimiertes Zeichen, geschweige denn gesetzliche Vorgaben. Dafür existieren Label verschiedener Organisationen: das bekannteste ist das Fairtrade-Label.

Wer vergibt das Fairtrade-Label?

Unter dem Dach der Organisation Fairtrade International sind nationale Fairtrade-Organisationen in mehr als 25 Ländern sowie mehrere Produzentennetzwerke und Marketingorganisationen vereint. In Deutschland fungiert der Verein TransFair e.V. mit Sitz in Köln als Ansprechpartner für Unternehmen, die sich für eine Fairtrade-Zertifizierung interessieren. Der gemeinnützige Verein berät zu Zertifizierungs- oder Finanzierungsfragen sowie bei der Suche nach möglichen Partnern. Wer das Fairtrade-Siegel nutzen will, muss mit dem Verein einen Lizenzvertrag abschließen. Lizenznehmerinnen und Lizenznehmer können hiesige Handelsunternehmen und Lebensmittelhersteller sein, die dann eine Fairtrade-Produktlinie anbieten.

Die Zertifizierungsgesellschaft FLOCERT kontrolliert, ob die Fairtrade-Standards vor Ort eingehalten werden. Unabhängig davon erfolgt die Biokontrolle über dafür akkreditierte Ökokontrollstellen. Nach Aussage von Transfair ist gut die Hälfte aller Fairtrade-Organisationen zusätzlich zur Fairtrade-Zertifizierung biozertifiziert.

Kriterien für die Fairtrade-Zertifizierung

Die Fairtrade-Standards regeln im Detail, welche Anforderungen die Produzentinnen und Produzenten, Plantagenbesitzerinnen und -besitzer in den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern des globalen Südens, aber auch die Handels- und Verarbeitungsunternehmen hierzulande einhalten müssen. Alle Akteure der Lieferkette müssen nach dem Fairtrade-Händlerstandard zertifiziert sein. Zu den wichtigsten Kriterien zählen:

• Der möglichst direkte Handel unter Ausschluss von Zwischenhändlern,
• die Zahlung von Mindestpreisen, die Schwankungen der Weltmarktpreise ausgleichen und über dem Weltmarktniveau liegen (für biozertifizierte Produkt gilt ein produktspezifischer Fairtrade-Bio-Zuschlag, der zehn bis zwanzig Prozent über dem Mindestpreis liegt),
• die Zahlung von Prämien für eigene soziale, ökonomische oder ökologische Projekte der Produzentengruppen,
• bei Bedarf Vorfinanzierung der Ernte sowie langfristige Lieferbeziehungen.

Wie viel Fairtrade muss in Schokolade und Co. drin sein?

Anders als bei Bananen oder Kaffee gibt es beispielsweise für Schokolade oder Gewürzmischungen, sogenannten Mischprodukten, mehr Spielräume. Die Regeln sind nicht so streng wie bei naturbelassenen Bioprodukten:

• Alle Zutaten, die als Fairtrade-zertifizierte Rohstoffe verfügbar sind, müssen aus Fairtrade-Quellen stammen.
• Der Anteil aller Fairtrade-Zutaten muss, gemessen am Normalgewicht/-volumen des Endprodukts, mindestens 20 Prozent ausmachen.
• Hinzugefügtes Wasser und/oder Milchprodukte fließen in diese Berechnung nicht ein, wenn ihr Anteil mehr als 50 Prozent des Endproduktes beträgt.
• Bei Kakao, Tee, Zucker und Fruchtsäften ist ein Mengenausgleich durch eine Vermischung konventioneller und fair gehandelter Produkte zulässig. Es ist also gut möglich, dass eine Tafel Schokolade mit dem Fairtrade-Siegel gar keinen fair erzeugten Kakao enthält. Umgekehrt kann eine bestimmte Kakaomenge aus fairer Produktion zu Schokolade verarbeitet werden, ohne dass diese Tafeln das Fairtrade-Siegel tragen. Im Endeffekt müssen die verkaufte Menge an Fairtrade-Rohstoffen und die eingekaufte Menge in der gesamten Lieferkette übereinstimmen.

Werden all diese Bedingungen erfüllt, dürfen die Herstellerinnen und Hersteller von Fairtrade-Mischprodukten das Fairtrade-Siegel auf der Vorderseite der Verpackung anbringen. Der Prozentsatz Fairtrade-zertifizierter Inhaltsstoffe muss auf der Rückseite der Verpackungen stehen. Erfolgt ein Mengenausgleich, muss dies aus der Kennzeichnung hervorgehen.

Naturland Fair in Nord und Süd

Weniger bekannt und verbreitet ist bisher das Naturland Fair-Label. Seit 2010 bietet der international agierende Ökoanbauverband eine freiwillige Zusatzqualifizierung für seine Mitglieder sowie für seine Partnerunternehmen an. Die Palette der rund 600 zertifizierten Produkte reicht von "Fair-Handelsklassikern" wie Kaffee, Kakao oder Bananen bis hin zu Lebensmitteln des täglichen Bedarfs wie Milch, Brot- und Backwaren, Gemüse oder Getreideprodukte. Gegenwärtig nutzen hierzulande vierzig Naturland zertifizierte Verarbeitungsunternehmen die Siegelvariante Naturland Fair. Das Siegel gilt überall. "Naturland bezieht auch Erzeugerinnen und Erzeuger aus dem globalen Norden in den Gedanken des fairen Handels ein. Damit möchten wir dem Höfesterben hierzulande entgegenwirken", erklärt Andreas Ziermann vom Naturland Verband.

Ein Pluspunkt für die Verarbeiterinnen und Verarbeiter ist, dass sich die Fair-Kontrolle mit der Ökokontrolle kombinieren lässt. Das spart Kontrollkosten. Dafür sind die Regeln strenger als beim Fairtrade-Zeichen. Bei einem aktuellen Vergleich von sechs Nachhaltigkeitssiegeln kam die Stiftung Warentest zu dem Schluss, dass das Naturland Fair Siegel den höchsten Standard setzt.

Wichtige Kriterien für die Naturland fair-Zertifizierung

• Wie beim Naturland Siegel müssen 100 Prozent der Zutaten aus ökologischem Landbau stammen.
• Alle Rohstoffe müssen aus fairem Handel stammen. Das gilt für Milch aus Deutschland ebenso wie für Kaffee oder Früchte aus dem Süden.
• Auch wenn mehrere Rohstoffe in ein Produkt einfließen, sollten alle Zutaten fair erzeugt und gehandelt sein. Um das Mischprodukt auf den Markt zu bringen, kann mit einem Fair-Mindestanteil von 50 Prozent gestartet werden – solange die betreffenden Zutaten nicht in Öko-fair-Qualität zu bekommen sind.
• Ein Mengenausgleich bei Mischprodukten ist nicht zulässig.
• Die ganze Wertschöpfungskette muss öko-fair sein: auch die Weiterverarbeitung muss in allen Schritten die Naturland Richtlinien für ökologische Verarbeitung und fairen Handel einhalten.
• Soziale Standards von der Versammlungsfreiheit über Einhaltung der Menschenrechte bis zum Ausschluss von ausbeuterischer Kinderarbeit sind ebenfalls verpflichtend.
• Faire Erzeugerpreise mit partnerschaftlicher Preisfindung als Basis für einen angemessenen Gewinn und die Deckung der Produktionskosten.
• Regionale Rohstoffe und Betriebsmittel haben Vorrang.

Heimische Bio-Fair-Initiative

Hinter dem Siegel Fairbio, ursprünglich Biofair, verbirgt sich der BioFairVerein. Darin haben sich 2008 Bioverarbeiterinnen und Bioverarbeiter, darunter so bekannte Naturkostunternehmen wie Bauck oder Voelkel, zusammengeschlossen. Inzwischen zählen auch einzelne Ökolandwirtinnen und Ökolandwirte und Biogroßhandelsunternehmen zum Mitgliederkreis. Alle Mitglieder lassen ihr Unternehmen auf die vereinseigenen Fairness-Kriterien von einer anerkannten Kontrollstelle prüfen und können nach der Zertifizierung das Fairbio-Logo für ihre Bioprodukte nutzen.

Im Gegensatz zum Naturland Fair-Konzept geht es dem BioFairVerein ausschließlich um heimische Fairness: es dürfen nur Produkte aus heimischen Rohstoffen mit dem Vereinslabel gekennzeichnet werden und sämtliche Unternehmensbereiche werden bei der Zertifikation unter die Lupe genommen. Derzeit überarbeitet der Verein seine Kriterien. „Dabei konzentrieren wir uns auf eine Handvoll K.O.-Kriterien und gehen weg von einem komplexen Bewertungssystem“, sagt Dr. Anke Schekahn vom BiofairVerein. Denn die langjährige Erfahrung habe gezeigt, dass viele Kriterien nicht überprüfbar sind, da Werte oft schwer auf Normen heruntergebrochen werden können.

Auf den fairen Weg machen

Fazit: Faire Standards lassen sich auf unterschiedlichen Niveaus und mit unterschiedlichen Siegeln einführen. Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft zu schwierigen Lernprozessen und oft weitreichenden betrieblichen Veränderungen. Doch allein im Sinne von persönlicher und betrieblicher Weiterentwicklung und aus Imagegründen lohnt sich der Einsatz. Ein kurzfristiger wirtschaftlicher Erfolg im Sinne von höheren Umsatz- oder Verkaufszahlen ist jedoch nicht garantiert. Um bei der Kundenansprache mit Fairness punkten zu können, muss das Unternehmen glaubwürdig vermitteln, wie es diese Werte lebt.
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Quellen:
Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) / ökolandbau.de
Bild: © pixabay
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