Bürgerinnen und Bürger forschen für den Ökolandbau
Coss-Moss Bereich Essen & Trinken Top Beitrag

Hand in Hand für mehr Soja aus Deutschland

19.02.2017 Im Internationalen Jahr der Hülsenfrüchte haben rund 2400 Landwirtinnen und Landwirte und Hobbygärtnerinnen und -gärtner beim Soja-Experiment "1000 Gärten" mitgemacht. Ziel war es, den ökologischen Sojaanbau in Deutschland zu stärken.

Forschung lebt nicht allein von Ideen und Experimenten, sondern auch von vielen fleißigen Helferinnen und Helfern. Ob beim Sammeln von Pollen, Beobachten von brütenden Vogelarten oder Verschlüsseln bisher unbekannter Pflanzenarten aus Afrika – wissbegierige Laien können dabei helfen, neues Wissen zu schaffen. Die Idee für diese Art der wissenschaftlichen Bürgerbeteiligung stammt aus den USA und nennt sich Citizen Science.

Besonders bei der Pflanzenzüchtung sind viel Handarbeit und ein genaues Hinsehen gefragt. Im Rahmen von Freilandversuchen gilt es, Samen verschiedenster Sorten auszusäen, regelmäßig zu beobachten und zu dokumentieren, wie sich die Pflanzen entwickeln – angefangen von den ersten Keimblättern bis hin zur Fruchtreife.

Um Unterstützung bei der aufwändigen Sojazüchtung zu bekommen, hat die Landessaatzuchtanstalt der Universität Hohenheim zusammen mit dem Freiburger Biotofuhersteller Taifun im Frühjahr 2016 das Soja-Experiment "1000 Gärten" ins Leben gerufen. Dabei haben Landwirtinnen und Landwirte, aber auch Privatleute in ganz Deutschland auf ihren eigenen Flächen bestimmte Sojasorten ausgesät und beobachtet.

Soja hierzulande heimisch machen

Ziel des Soja-Citizen-Science-Projektes war es, die aus Asien stammende Kulturpflanze hier bekannter zu machen und zu fördern. Auch deshalb, um den steigenden Bedarf an Biosojabohnen aus regionalem Anbau decken zu können. Dafür muss es gelingen, Sojasorten für den menschlichen Verzehr zu züchten, die zum einen genügend Eiweiß für die Tofuherstellung bilden und zum anderen in unseren Breiten ebenso gut wachsen wie etwa in Brasilien.

Deutschlandweiter Freilandversuch

Regional breit gestreute Anbauversuche sollen Aufschluss darüber geben, wo überall in Deutschland Sojabohnen gedeihen. In einem nächsten Schritt geht es darum, jene Linien züchterisch weiterzuentwickeln, die sich im Anbau am besten bewährt haben. Entscheidend ist es, unter unterschiedlichen Wetter- und Bodenverhältnissen möglichst viele Soja-Zuchtlinien zu testen. Genau hier setzt das bürgerbasierte Sojaexperiment an: Vom Bodensee bis in den Norden Schleswig-Holstein bauten engagierte Menschen insgesamt 1700 Sojakreuzungen in 1700 Gärten an. Dabei wurde jede Zuchtlinie nach dem Zufallsprinzip auf zehn Gärten verteilt. Insgesamt kamen so auf jeden Garten zwölf Sorten, darunter zwei Standardsorten. "Um die Linien regelmäßig über ganz Deutschland zu verteilen, hatten wir das Land in fünf Regionen eingeteilt. Als Grenze dienten Breitenkreise", erklärt Dr. Volker Hahn von der Landessaatzuchtanstalt Hohenheim.

Von Grundschülern bis hin zu Profis

Zu den rund 2400 Teilnehmenden zählten neben Landwirtinnen und Landwirten sowie Profigärtnerinnen und Gärtnern auch Studierende der Agrarwissenschaften von mehreren Hochschulen. Aus deren Engagement sind sogar diverse Masterarbeiten hervorgegangen. Darüber hinaus haben Hobbygärtnerinnen und -gärtner, Schulen, die Landesgartenschau Baden-Württemberg und der Weltgarten in Berlin sowie die Stiftung Kaiserstühler Garten an dem Projekt teilgenommen. "Für uns war es von Anfang an klar, dass wir das "1000 Gärten"-Sojazüchtungsprojekt tatkräftig unterstützen. Es entspricht voll und ganz unseren Stiftungszielen, die Vielfalt an Nahrungspflanzen in unserer Kulturlandschaft zu vergrößern und regionale Strukturen zu fördern", so Dr. Monika Witte von der Stiftung Kaiserstühler Garten.

Erste Ergebnisse – Soja wird bei uns überall reif

Die bisherige Auswertung der Daten zeigt erste interessante Ergebnisse: Zu einer früheren Blüte kam es überall dort, wo es im Frühjahr wärmer und sonnenreicher war. Ausschlaggebend für den Blühbeginn war hier – zumindest bei den getesteten Sorten aus den frühen (00) und sehr frühen (000) Reifegruppen – die Temperatur und nicht die Tageslänge. Und das, obwohl Soja eigentlich zu den Pflanzen zählt, die auf Licht empfindlich reagieren und erst dann zu blühen beginnen, wenn die Tage lang genug sind.

In allen Regionen wurden die Sojabohnen bis zum Ende der Vegetationsperiode reif. Im Süden betrug die Zeitspanne von der Aussaat bis zur Reife im Schnitt 127 Tage, im Norden waren es im Schnitt 131 Tage. In warmen und sonnenreichen Gegenden reiften die Früchte der wärmeliebenden Sojapflanze sieben bis acht Tage früher heran. Neben dem eher milden Rheintal hat sich vor allem das Gebiet um Berlin, Magdeburg und Leipzig als gut geeignet für den Sojaanbau herauskristallisiert.

Zudem haben die Züchtungsexpertinnen und Experten herausgefunden, dass sich die Reifegruppe im Reifezeitpunkt tatsächlich widerspiegelt. So waren besonders frühreife Sorten bis zu drei Tage früher reif als die übrigen Sorten.

Wie geht es weiter?

Besonders erfreulich aus Sicht aller Projektbeteiligten ist es, dass sich in der 1000 Gärten-Ernte einige besonders eiweißreiche Linien befanden. Ob sich deren Bohnen tatsächlich für die Tofuherstellung eignen, wird sich in der Versuchsküche von Taifun zeigen.

Das Forscherteam geht davon aus, dass noch etliche Monate vergehen werden, bis alle Daten vollständig ausgewertet sind. "Da wir mit diesem Citizen Science Ansatz absolutes Neuland betreten haben, können wir schwer voraussagen, bis wann genau die endgültigen Forschungsergebnisse vorliegen", erläutert Dr. Hahn. Denn im Vergleich zu einem herkömmlichen Forschungsvorhaben müsse man sich auf mehr Unwägbarkeiten einstellen und bei den Daten genauer hinsehen und deren Plausibilität prüfen. Dennoch fällt bereits jetzt die Bilanz der Züchtungsexpertinnen und Experten sehr positiv aus: Ohne die breite Unterstützung der Hobbygärtnerinnen und Gärtner wäre es nie möglich gewesen, die verschiedenen Sojasorten unter so unterschiedlichen Anbaubedingungen zu testen.
WERBUNG
Verwandte Produkte zu dieser Meldung
Quellen:
Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) / ökolandbau.de
Bild: © pixabay
zurück zur Übersicht
Das könnte dich auch interessieren
  • Regionale Wertschöpfung statt Gewinngrabbing Abbildung

    Regionale Wertschöpfung statt Gewinngrabbing

  • Vogelbeeren Abbildung

    Vogelbeeren

  • Bucheckern Abbildung

    Bucheckern

  • Laktosefrei Bio genießen Abbildung

    Laktosefrei Bio genießen

  • Radioaktive Wildpilze Abbildung

    Radioaktive Wildpilze

  • Zu gut für die Tonne Abbildung

    Zu gut für die Tonne

  • Süßigkeiten in Bioqualität Abbildung

    Süßigkeiten in Bioqualität

  • Herb-säuerliche Mispel Abbildung

    Herb-säuerliche Mispel